Hälfte des Lebens

P1000906

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Todestag

Bilder_Lumix_Aug11_Sept2012 202

Todestag

Dieser Tag war nicht mozartös
er war schwer, wie bei Trakl,
trist, uneben, zerrissen,
als ob ich mich teilen wollte,
um mich zu vermehren

ich treffe dich Niemand
ich nehm‘ das Schreien du Krähe
ich fühle die Luft, sie schlägt an den Herbst
ich ahne dich du Farbe des Vergehens

was bin ich – ohne dich
jetzt wo du fort bist, so viele
Tage, Wochen, Jahre verstrichen
du entrückst mir, liegst so fern

will mich an dich schmiegen
will deiner Stimme folgen
will deine Hand in meiner spüren
will noch einmal deine Augen sehen,
noch einmal sein – mit dir

(20.September 2010-2015)

Robert Gernhardt – Tagesbefehl zum #InternationalDayof Peace

worldmap_weifabric

Ai WeiWei via aiweiwei.com

Tagesbefehl

Leute, bitte geht nach Haus,
hier bricht um zwölf der Friede aus,
dann wird nicht mehr geschossen.
Dann hat es sich mit dem Bummbumm,
wer tot ist, falle sofort um,
der Krieg wird gleich geschlossen.
Leute, bitte gebt jetzt Ruh.
Ich mach schon mal den Krieg hier zu,
man kann nicht immer meucheln.
Nein, Bäcker, jetzt wird Brot gemacht,
jetzt wird kein Feind mehr totgemacht,
jetzt heißt es Freundschaft heucheln.

Leute, bitte macht jetzt Schluss,
der nächste ist der letzte Schuss.
Nein, seid nicht gleich beleidigt.
Hört auf, sonst gibts eins vor den Bug,
ihr habt hier wirklich lang genug
das Abendland verteidigt.

Mistranslation: August 20, 2015: „Ai Qing to His Son“ – Ai WeiWei

SPACESHIP

Ai Weiwei as a baby in 1959 is with his father Qing in exile Ai Weiwei in 1959 with his father Qing in exile.

Ai Qing to His Son

“You can fake the real. And you can fake the fake.”

                                                                        – Ai WeiWei

Ignore my warnings, artist of the ready-mades,
astound — and don’t tell anybody

Name Wall, Ai Weiwei Name Wall

they’ll get what’s coming to them.
Show them what they think they already know:

names of children killed in that Sichuan earthquake,
hand crafted sunflower seeds, repainted Han dynasty

urns smashed like China in so many pieces.
Artist, call into question everything consumers

value, including your own art. Transform,
alter the way logging-trucks mourn their load,

Ai WeiWei_sunflower

reroute highways around not over mountains, charm
curlicues that ride crests of waves, join

Ursprünglichen Post anzeigen 747 weitere Wörter

Migrantenmonolog

EXIL

Bildschirmfoto 2015-09-06 um 08.19.52

Emigranten-Monolog

Ich hatte einst ein schönes Vaterland –
So sang schon der Flüchtling Heine.
Das seine stand am Rheine,
Das meine auf märkischem Sand.

Wir alle hatten einst ein (siehe oben!)
Das fraß die Pest, das ist im Sturm zerstoben.
O Röslein auf der Heide,
Dich brach die Kraftdurchfreude.

Die Nachtigallen werden stumm,
Sahn sich nach sicherm Wohnsitz um.
Und nur die Geier schreien
Hoch über Gräberreihen.

Das wird nie wieder, wie es war,
Wenn es auch anders wird.
Auch, wenn das liebe Glöcklein tönt,
Auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

Mir ist zuweilen so, als ob
Das Herz in mir zerbrach.
Ich habe manchmal Heimweh.
Ich weiß nur nicht, wonach . . .

Mascha Kaléko

nu ik het weet

Ashers Hersenspinsels

nu ik het weet
beplant ik de
kale perken
en ruik ik de
warme avond
unearthly calm
descending
from the sky

nu ik het weet
zie ik strakke
witte banken
in de tuin en
bloesemtakken
vandaag als
ware het de
eerste keer

nu ik het weet
betreed ik
het pad dat ik
duizendmaal
eerder zocht
verscholen onder
stille sentimenten
en vergane glorie

nu ik het weet
stroomt de adem
tot in de toppen
van mijn tenen

nu ik het weet
reik ik mijzelve
welwillend de
helpende hand

Ursprünglichen Post anzeigen

Ai Quing … Die Mauer

Gedicht über die Berliner Mauer von Ai Qing,
dieses bemerkenswerte Gedicht wurde zehn Jahre vor dem Mauerfall in Berlin verfasst:

Die Mauer

Eine Mauer, wie ein Messer
schneidet eine Stadt in zwei Stücke
die eine Hälfte im Osten
die andere Hälfte im Westen

Wie hoch ist die Mauer?
und wie dick?
wie lang?
Mag sie sehr hoch dick und lang sein
könnte sie doch nicht höher dicker und länger sein
als die Chinesische Mauer.
Sie ist nur eine Spur, die die Geschichte hinterließ
eine nationale Wunde
Niemand mag solche Mauern

Sie ist 3 Meter hoch
50 Zentimeter dick
45 Kilometer lang. Aber was bedeuten diese Höhe Dicke und Länge?
Selbst wenn sie noch tausendmal höher
tausendmal dicker
und tausendmal länger wäre
wie könnte sie
die Wolken, den Wind, den Regen und die Sonne aufhalten?

Wie könnte sie
die Flügel der Vögel und den Gesang der Nachtigallen verhindern?

Wie könnte sie
das fließende Wasser und die Luft aufhalten?

Wie könnte sie
die Gedanken von Hunderttausenden
freier als der Wind,
ihren Willen fester als das Land,
ihre Wünsche dauerhafter als die Zeit verhindern?

22.5.1979

Übersetzung: Zhang Yi
Aus: „Chinesische Lyrik der Gegenwart“, Reclam 8803, 1992.